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Leseprobe 2
Eine Ursache, über Spanier nicht zu lachen |
Manche seiner Schriftstellerkollegen haben es Thomas Mann wenig gedankt, dass er aus dem US-Exil nicht nach Deutschland zur tätigen Restauration zurückgekehrt ist.
Als besonders missgünstig erwies sich der Autor Frank Thiess, bekanntester Vertreter der trivialopportunistischen Schule. Trotzdem lud ihn Thomas zur Feier seines 75. Geburtstages nach Zürich ein.
Tatsächlich erschien Thiess.
Thomas nahte sich dem Gast in versöhnungsbereiter Stimmung. Das Gespräch wollte jedoch nicht in Gang kommen. Thiess schien missmutig (manche meinen, er habe Thomas seinen Nobelpreis geneidet) und gab patzige Antworten. Mann gedachte durch einen Witz, gleichsam durch die Gemeinsamkeit des Lachens, eine einverständige Eselsbrücke der Kommunikation zu errichten und fragte den Gast:
"Sagen Sie mal, soll ich Ihnen einen guten Witz mitteilen? Es handelt sich da sogar um meinen Lieblingswitz!"
Thiess runzelte die Stirne und meinte zweifelnd:
"Beschädigt dieses nicht die Ernsthaftigkeit unseres poetischen Auftrages?"
"Nein, nein, Herr Thiess, ich glaube: nein."
"Na, dann lassen Sie mal hören."
"Nun: Treffen sich zwei Spanner - Sie wissen zweifellos, worum es sich dabei handelt? - Nun, sie geraten ins Gespräch, und der eine fragte den anderen: 'Sage mal, was machst Du heute abend?' Daraufhin antwortet der andere dem einen: 'Mal gucken.'"
Thomas musste, wiewohl ihm der Witz bestens bekannt war und er ihn oftmals zum allerbesten gegeben hatte, darob ganz herzlich lachen, während Thiess mit angestrengter Miene fragte:
"Pardon, Herr Mann, das verstehe ich nicht. Was sagte der eine Spanier zum anderen? Erläutern Sie das doch bitte! Erheiterndes vermag ich da nämlich nicht zu entdecken!"
Thomas warf einen böswilligen Blick auf Thiess, wandte sich um und liess jenen durch einen Hausdiener seines Heimes für immer verweisen.
Neben anderem soll diese Begegnung mit einem Vertreter Nachkriegsdeutschlands Thomas bewogen haben, niemals mehr ins Land seiner Eltern zurückzukehren, sondern endgültigen Aufenthalt in der Schweiz zu nehmen.
© 2009 Oliver Schlick
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